handballschiri.com - Einsatz für Fairness im Sport - Von Handballschiedsrichter für Handballschiedsrichter  

 

Regeln
Regeltest
Neue Regeln ab 1.8.05
Spielemanager
Newsletter
Downloads
Links
Trends
Carlos Corner
Fortbildung mit Eberhard Lang
Das muss mal gesagt werden
Interviews
Maskottchen
Fotogalerien
Presse
Uns unterstützen
Über
diese Seiten
Kontakt
Impressum
Sitemap
   
  2017-09-24T21:20:30+02:00 24. Sep. 2017
 
 
Besucher seit
06.05.2005
Online: 6
Onlinerekord: 65
Heute: 518
Gestern: 513
Tagesrekord: 2143
Gesamt: 1395407

 

Carlos Corner - Schiedsrichterbetreuer bei der WM 2007

 

zurück zur Übersicht "Carlos Corner"

Rückblick WM 2007- Aus dem Tagebuch eines Schiedsrichterbetreuer

Carlos Rückblick als Schiedsrichterbetreuer in Wetzlar in gewohnt frischer und kritischer Weise ...

Einer der Austragungsorte der WM 2007 - Die Arena in Wetzlar

1. Chronologie

  • Ich werde im Juli/August 06 in Dänemark angerufen und aufgefordert, mich als Volunteer beim DHB zu bewerben. Nach Rückfrage erhalte ich 2 Gründe für den Anruf: Ich spreche mehrere Sprachen, darunter auch Dänisch, und ich wohne in der Nähe von Wetzlar.
  • Ich bewerbe mich beim DHB mit den erforderlichen Daten und lese für lange Zeit nichts.
  • Schließlich kommt die Einladung zum Treff aller Volunteers im Wetzlarer Rathaus.
  • Der vorgelegte Vertrag wird von mir unterzeichnet.
  • Ich fahre mittwochs vor dem Beginn der Vorrunde in die Arena zu einem Briefing. Dabei erfahre ich, dass ich die SR betreuen soll. Sofort wird mir klar, dass ich das nicht alleine tun kann. Wenn ich das 1. Gespann betreue, kommt noch während des laufenden Spiels das 2. Gespann in der Halle an; wer soll sich um die beiden Kollegen kümmern?
  • Außerdem händigt man mir ein T-Shirt und eine Trainingsjacke einfachster Machart aus. Die Funktionäre auf höherer Ebene haben offenbar einen einheitlichen Anzug einschließlich Hemd und Krawatte bekommen.
  • Man erkennt den SR-Betreuer-Notstand und beauftragt mich, einen weiteren Betreuer zu suchen.
  • Ich rufe freitags Lars Kimpel an und erkläre ihm, worum es geht.
  • Lars sagt zu, wir treffen uns samstags um 10.Uhr im Hotel Mercure anlässlich der Technischen Einweisung durch Mrs. Green.
  • Am späten Nachmittag suche und finde ich den Schlüssel der SR-Kabine und erwarte das 1. Gespann.
  • Die iranischen Schiris Mohsen Karbas-Chi (links) und Majid Kolahdouzan

    Es sind die Iraner Mohsen Karbas-Chi und Majid Koladouzan, begleitet von ihren Kollegen Peter Brunovsky und Vladimir Canda aus der Slowakei sowie Kenneth Abrahamsen und Arne Kristiansen aus Norwegen. Wir unterhalten uns vorwiegend in der englischen Sprache, mit den beiden Norwegern spreche ich dagegen Dänisch.
  • Ich geleite die Iraner zur Aufstellung vor dem Einlaufen und betreue sie während der Halbzeit und nach dem Spiel Grönland - Slowenien. Nachdem sie sich umgezogen haben, fahren wir mit dem Aufzug in die IHF-Lounge im 2. Stock, wo ich mich von ihnen verabschiede. Zuvor habe ich Lars den Kabinenschlüssel übergeben. Lars betreut die beiden Norweger im 2. Spiel des Tages.
  • Am Sonntag bringt Lars mir den Kabinenschlüssel, damit ich erneut das iranische Gespann beim Spiel Grönland - Tunesien betreuen kann. In der Halbzeit bringt Peter Rauchfuß den SR'n ein blaues Armband, das sie berechtigt, nun auch den "Business Club" im 1. Stock zu betreten.
  • Nach dem Spiel bringe ich die Kameraden denn auch in den "Business Club" und verabschiede mich.
  • Die slowenischen Schiris Peter Brunovsky (links) und Vladimir Canda

    Am Montag bringt mir Lars den Kabinenschlüssel und ich betreue das slowakische Gespann während des Spiels Grönland - Kuwait. Peter Rauchfuß bringt den SR'n diesmal ein rotes Armband und bestätigt ihnen in der Halbzeit, dass die 1. Rote Karte des Turniers gegen Kuwait ihre Berechtigung gehabt hat.
  • Ich übergebe Lars den Kabinenschlüssel und verabschiede mich von den Kollegen, die noch nicht wissen, wo sie die WM fortsetzen.
  • Ich bezahle mein Parkticket wie jeden Tag zuvor und nehme Abschied von den Vorrundenspielen in Wetzlar. Sie haben mich acht Mal von Weilburg nach Wetzlar und zurück geführt, insgesamt 5,- € Parkgebühren gekostet, haben tiefe Einblicke hinter die Kulissen und die Begegnung mit Menschen vieler Nationen und aller Art ermöglicht.

2. Streiflichter

  • Rathaus Wetzlar, alle Volunteers sind zur Einweisung geladen. Für mehr als 200 Anwesende stehen 10 kleine Fläschchen Wasser und ebenso viele belegte Brötchen zur Verfügung. Die Brötchen sind offenbar von der voraus gegangenen Veranstaltung übrig geblieben...
  • Ich lerne dabei auch, dass Freiwillige "Volunteers" und Kartenverkauf "Ticketing" heißt und erweitere so meinen deutschen Wortschatz...
  • Vorbereitungstreffen der Freiwilligen in der Arena. Ich parke mein Auto vor dem Türkengeschäft und wandere zur Arena. Dort nehme ich ein T-Shirt und eine Trainingsjacke billigster Machart mit und überzeuge die lokalen Organisatoren, dass es einen zweiten SR-Betreuer geben muss. Nachdem ich an zahlreichen vor der Arena geparkten Autos vorbei gegangen bin und meinen Parkplatz bezahlt habe, fahre ich zurück nach Weilburg...
  • Ich rufe Lars an, der am nächsten Tag zusagt und schnell akkreditiert wird...
  • Technische Einweisung im Hotel Mercure, Wetzlar, samstags 10.00 Uhr. Ich lerne den Unterschied zwischen 1. und 3. Klasse kennen. Alle "oberen" Organisatoren haben den gleichen Anzug, das gleiche Hemd und den gleichen Schlips an, bis auf Mrs. Green natürlich, die entsprechende Frauenkleidung trägt. Handyklingeln scheint ein Zeichen von großer persönlicher Bedeutung zu sein...
  • Ich spreche den Teamchef der Grönländer auf Dänisch an, eine Männerfreundschaft beginnt...
  • Ich lerne - vor allem von Tunesiens Teamchef - , dass es auch die Aufgabe der Organisatoren ist/sein soll, von allen WM-Spielen an allen Orten Videoaufzeichnungen für alle in Wetzlar spielenden Mannschaften bereit zu stellen...
  • Samstag, 20.01.07, 16.30 Uhr: Ich habe mein Auto im Forum-Parkhaus geparkt, betrete die Arena und weise mich durch den am Hals baumelnden Ausweis bei den Sicherheitskräften aus, suche die SR-Kabine, die abgeschlossen ist. Meine Suche führt mich zu Horsti Theiß, der mir nach einiger Zeit den Schlüssel bringt. In der Kabine stehen die üblichen Getränke und liegen Handtücher für die 3 Gespanne. Horsti präsentiert mir den Freiwilligen Stefan, der sich während der nächsten Spieltage rührend um den notwendigen Nachschub kümmert. Er besorgt auch sofort Obst, wonach vor allem das iranische Gespann verlangt...
  • Ein Blick aus der Kabinentür zeigt mir, dass die Einlaufkinder schon um 17.30 Uhr bereit stehen, damit um 17.50 Uhr Fahnenträgerinnen, Mannschaften und Einlaufkinder zur Zeremonie die Halle betreten können...
  • Es beginnt der ständige Wechsel von Betreuung der SR, Aufbereitung der Kabine danach, Betreuung während der Pause, Aufbereitung der Kabine danach und erneuter Betreuung der SR nach dem Spiel. Dabei wird es mitunter sehr eng in der Kabine, da sich das pfeifende Gespann, das entsprechend gekleidete Ersatzgespann und das Gespann für das folgende Spiel darin aufhalten...
  • Das iranische Gespann besteht aus einem sportlichen Leiter eines Sportclubs und einem selbstständigen Handwerker, beide sehr nette Kerle, die mit 18 Jahren das Pfeifen begonnen haben und schon beim 1. Spiel, Grönland - Slowenien, stellenweise überfordert zu sein scheinen. In der Halbzeit ihres 2. Spiels deabattieren und gestikulieren sie wild miteinander...
  • Das slowakische Gespann besteht aus einem sportlichen Leiter des nationalen Handballverbands und einem ebensolchen eines großen Sportclubs, beide sehr nett und taktische Überlegungen anstellend zu ihrem Einsatz nach der Wetzlarer Vorrunde. Sie haben mit 18 Jahren begonnen und pfeifen souveräner als die Iraner, lassen jedoch auch einige Zögerlichkeiten erkennen...
  • Die norwegischen Schiris Kenneth Abrahamsen (links) und Arne M. Kristiansen

    Das norwegische Gespann besteht aus dem Manager eines großen VW-Audi-Autohauses und einem Immobilienhändler, beide sehr selbstbewusst. Sie haben mit 12 Jahren begonnen, gemeinsam zu pfeifen! Ihre Auftritte sind überzeugend und so pfeifen sie schließlich auch das letzte und entscheidende Spiel um den Gruppensieg zwischen Tunesien und Slowenien...
  • Ich betrete die Verpflegungsstätte der Freiwilligen, unterschreibe, dass ich Getränke und Essensmärkchen erhalte, lasse mir ein Schnitzelbrötchen geben und mampfe es, mir Gedanken darüber machend, wo und was die Organisatoren denn so speisen werden...
  • Zwei Journalisten fragen mich, ob ich ihnen beim Interwiew des besten tunesischen Spielers, der Französisch spricht, helfen könne. Das mache ich und frage nach dem Interview dezent, ob es nicht möglich wäre, auch einmal die SR zu interviewen. Einer versucht dies am nächsten Tag. Wir warten aber in der Kabine vergeblich auf ihn. In der Halle erfahre ich von ihm, dass er den Innenraum nicht verlassen darf. Wir setzen uns zum Ersatzgespann und werden rüde darauf aufmerksam gemacht, dass es den SR'n verboten sei, mit der Presse zu sprechen...
  • Nach den Spielen führe ich zumeist die SR in die IHF-Lounge im 2. Stock, erst am 2. Tag dürfen sie auch den im 1. Stock gelegenen "Business Club" betreten, der kulinarisch wesentlich mehr bietet als die IHF-Lounge...
  • Den Organisatoren in den Anzügen ist die Anstrengung und Anspannung täglich deutlicher ins Gesicht geschrieben. Hat mich Bernd Dugall noch am 1. Tag begrüßt, geht er jetzt mit Tunnelblick an mir vorbei, allerdings nicht ohne mir einen Anschiss zu verpassen, denn ich bin doch tatsächlich ein oder zwei Mal am Tisch der Offiziellen vorbei gegangen...
  • Gesprächen mit den Freiwilligen, vor allem am Info-Stand, entnehme ich die große Freude und das ebenso große Engagement, bei der WM dabei sein zu dürfen. Da könne man auch über organisatorische und persönliche Mängel des DHB und dessen Repräsentanten hinweg sehen...
  • Am Info-Stand bemerke ich, dass ein hr4-Reporter Interviews macht. Ich spreche ihn an und bemängele, dass die SR in der gesamten Berichterstattung keine Rolle spielten. Gnädig gewährt er mir ein Interview, das am folgenden Tag gesendet werden soll. Viele euphorische Stellungnahmen werden ausgestrahlt, mein Interview leider nicht...
  • Nach meiner letzten Betreuung verabschiede ich mich von den IHF-Kollegen, gehe zum Info-Stand und gebe den Schrieb mit meinen Kosten ab: 480 km gefahren, 5,- Euro Parkgeld bezahlt, die Stunden nicht gerechnet. Ich erfahre, dass ich wahrscheinlich keine Erstattung bekommen werde, schließlich sei Idealismus gefragt...
    Nachtrag: Ich habe den Versuch unternommen, über den DHB wenigstens eine Spendenbescheinigung für die gefahrenen Kilometer und das Parkgeld zu bekommen. Das Ergebnis - null, nullo, nichts!
  • Fazit: Ich bereue nicht, dass ich mich zur Verfügung gestellt habe. Es war ein tolles Erlebnis, die WM sozusagen von innen erleben zu dürfen. Ich habe viele tolle Menschen aus aller Welt getroffen und einen Trainer, der 2 Tage vor der Halle stand und keine Karte, Verzeihung, kein Ticket bekam, an der Security vorbei gelotst. Was mir Probleme bereitet, ist die 2-Klassen-Gesellschaft, die ich erlebt habe. Wieder einmal ist der Idealismus nicht nur gefordert und fest eingeplant, sondern auch brutal möglichst ausgenutzt worden. Zur "Dankeschön-Party" werde ich nicht gehen, aber an dieser Stelle vor allem meinen Dank an Horsti, Stefan und Lars!


 

 

 

Zur Person:

Karl-Peter "Carlo" Schulz, geb. 10.06.1942

Lehrer seit 1966, Rektor seit 1978, Direktor seit 2001
Schiedsrichter seit 1973, Fußballschiedsrichter seit 1974
Handballspieler von 1949 bis 1987,
Trainerlizenzen im Handball, Fußball
und Schwimmen
Handball-Bundesliga-Schiedsrichter von 1986 bis 1992, davor und danach
12 Jahre in der Regionalliga, derzeit Oberliga-Schiedsrichter
Lehrwart im HHV von 1998 - 2003, im SWHV 2002 - 2006
Kämpft um die Qualitätsentwicklung und -sicherung der
Handball-Schiedsrichter, um ihr Ansehen und damit um ihre Stelle im
Bereich des Handballs zu steigern.